Digital unabhängig werden



Unser digitales Leben liegt zunehmend in den Händen weniger Konzerne. Der Digital Independence Day zeigt, wie wir uns Schritt für Schritt unabhängiger machen können. Zur Veranstaltung lädt der Chaostreff Potsdam in die machBar ein.
Das Smartphone ist längst mehr als ein Telefon. Wir kaufen damit Fahrkarten, erledigen Bankgeschäfte, navigieren, tauschen Nachrichten und Fotos aus, hören Musik und bestätigen unsere Identität. Mit jedem zusätzlichen Dienst wächst jedoch auch die Abhängigkeit von den Unternehmen, die unsere Daten speichern und die technischen Regeln festlegen.
Diese Abhängigkeit ist keine abstrakte technische Frage. Sie beeinflusst, welche Informationen wir sehen, mit wem wir kommunizieren können und ob wir unsere Kontakte und Inhalte behalten, wenn ein Anbieter seine Bedingungen ändert oder einen Dienst einstellt. Digitale Unabhängigkeit bedeutet deshalb, wieder mehr Kontrolle über die eigenen Daten, Geräte und Kommunikationswege zu gewinnen.
Wenn Plattformen über Sichtbarkeit entscheiden
Soziale Netzwerke versprachen einmal, Menschen direkt miteinander zu verbinden. Heute bestimmen undurchsichtige Empfehlungssysteme, welche Beiträge sichtbar werden. Wer einer Person oder Organisation folgt, sieht deshalb noch lange nicht automatisch deren neue Inhalte. Gleichzeitig werden Beiträge vorgeschlagen, die Aufmerksamkeit binden, starke Reaktionen auslösen und uns möglichst lange auf der jeweiligen Plattform halten.
Das hat Folgen über die einzelne App hinaus. Wenn wenige Unternehmen kontrollieren, welche Nachrichten Millionen Menschen erreichen, konzentriert sich gesellschaftliche und politische Macht. Organisationen, Initiativen und lokale Projekte investieren viel Arbeit in Inhalte, erreichen aber nur den Teil ihres Publikums, den eine Plattform gerade zulässt. Eine dort aufgebaute Community kann durch eine Regeländerung, eine Kontosperre oder das Ende eines Dienstes schnell verloren gehen.
Das offene Internet zeigt, dass es anders geht
E-Mail ist ein gutes Gegenbeispiel: Eine Nachricht kann von einem Anbieter zu einem anderen geschickt werden. Niemand muss beim selben Unternehmen registriert sein wie die Empfängerin oder der Empfänger. Möglich wird das durch offene, gemeinsam genutzte Standards.
Ähnlich funktionieren RSS-Feeds und Podcasts. Sie können mit unterschiedlichen Programmen abonniert werden, ohne dass ein einzelner Konzern den gesamten Zugang kontrolliert. Auch soziale Netzwerke lassen sich dezentral organisieren. Im Fediverse verbinden sich viele unabhängige Server miteinander. Dienste wie Mastodon für Kurznachrichten oder PeerTube für Videos zeigen, dass soziale Kommunikation nicht zwangsläufig in einer zentralen Plattform enden muss.
Offene Standards schaffen Wahlmöglichkeiten. Wenn ein Anbieter nicht mehr passt, kann man wechseln, ohne sämtliche Kontakte und Inhalte zurücklassen zu müssen. Genau diese Freiheit ist ein zentraler Baustein digitaler Souveränität.

Was ist der Digital Independence Day?
Der Digital Independence Day, kurz DI.DAY, findet an jedem ersten Sonntag im Monat statt. Die Idee ist bewusst einfach: An diesem Tag wechseln wir einen digitalen Dienst oder machen einen konkreten Schritt in Richtung Unabhängigkeit.
Niemand muss das gesamte digitale Leben an einem Wochenende umbauen. Ein kleiner, gut vorbereiteter Wechsel ist sinnvoller als ein radikaler Schnitt, der im Alltag nicht funktioniert. Auf der Website des DI.DAY gibt es dafür leicht verständliche „Wechselrezepte“ mit Zeitangaben, Schwierigkeitsstufen und Schritt-für-Schritt-Anleitungen.
Mögliche erste Schritte sind zum Beispiel:
- Karten und Navigation auf Basis von OpenStreetMap ausprobieren
- einen unabhängigen Messenger einrichten und erste Kontakte mitnehmen
- Fotos außerhalb der Clouds von Google oder Apple sichern
- einen RSS-Reader für Nachrichten und Blogs verwenden
- Videokonferenzen mit einer datensparsamen Alternative testen
- Videos zusätzlich über PeerTube veröffentlichen
- einen Newsletter oder Podcast über offene Standards abonnieren
Der nächste DI.DAY findet am Sonntag, 4. Oktober 2026, statt. In Potsdam wird die Veranstaltung vom Chaostreff Potsdam organisiert und findet in der machBar statt. Weitere Informationen und Wechselrezepte gibt es unter di.day/de.
Gemeinsam wechseln in Potsdam
Der schwierigste Teil ist häufig nicht die Installation einer neuen App. Es sind die Fragen davor: Welche Alternative passt zu meinem Alltag? Was passiert mit meinen bisherigen Daten? Wie nehme ich Kontakte mit? Und wie verhindere ich, dass am Ende etwas Wichtiges nicht mehr funktioniert?
Dabei hilft es, den Wechsel gemeinsam anzugehen. Der Chaostreff Potsdam veranstaltet den DI.DAY in der machBar. Dort könnt ihr Fragen stellen, Alternativen kennenlernen und euch bei den ersten Schritten unterstützen lassen.
Die machBar ist ein offener Raum des Wissenschaftsladens Potsdam. Hier können Menschen Wissen teilen, Technik verstehen und eigene Lösungen ausprobieren. Das passt zum Grundgedanken des DI.DAY: Digitale Unabhängigkeit entsteht nicht durch einen einzigen perfekten Dienst, sondern durch Wissen, offene Strukturen und gegenseitige Hilfe.

Du hast die Wahl
Digitale Dienste wirken oft alternativlos, weil alle anderen sie ebenfalls benutzen. Aber diese Abhängigkeit ist nicht unveränderlich. Jeder gewechselte Dienst, jedes offene Format und jede selbst verwaltete Verbindung verteilt ein Stück Kontrolle zurück an die Menschen, die das Internet nutzen.
Beginne mit einem Dienst. Nimm dir Zeit. Hole dir Unterstützung. Und erzähle anderen, was für dich funktioniert hat.
Der DI.DAY gehört allen, die mitmachen. Was daraus wird, entscheiden wir gemeinsam.
